Turm Immanuelkirche Wedel

 

Film: falk von traubenberg 

https://youtu.be/gqZdlVKjWQU

 

 

 

 

 

 

Katalog PAPIER

 

 

 

 

 

Christian Zuther & Carmen Oberst

 

 

Eröffnung Sonntag 2. Juli 2017, 16.00 - 18.00 Uhr

 

 

 

Dauer der Ausstellung:

02. Juli - 03. September 2017

 

ab 22. Juli 2017 täglich geöffnet 13.30 - 17.30 Uhr

 

 

 

 

Papier – Ursprung, Nutzbarkeit und Verwandlung

 

Wer schreibt, bleibt. Wer probiert, werkelt, zeichnet und malt, auch!

Papier als Massenware der industrialisierten Welt verliert  im digitalisierten Zeitalter an Bedeutsamkeit. Nicht wegzudenken war es als „Medium“ vor 500 Jahren während der Reformationszeit bzw. durch den wenig früher erfundenen Buchdruck. So wurden die Bibel und viele andere Bücher und Schriften zu Massenmedien und ermöglichten Meinungsbildung, Aufklärung und breitenwirksame Allgemeinbildung überhaupt – insofern ein bemerkenswertes und würdiges Thema für das Jahr 2017.

 

Papier ist ein pflanzlicher Werkstoff: der Schilf der Papyrusstaude, Hanf, Bast, Holz – diese Fasern bilde(te)n die Grundlagen für die Papierherstellung. Ein Kulturgut, das allein deshalb entstanden ist, weil Menschen Gedanken, Weisheiten und Bilder verschriftlichen und konservieren wollten. Auf diese Weise können sie schon seit Jahrhunderten über weite Strecken kommunizieren bzw. auch  langfristig etwas festhalten für die Nachwelt - Überlieferungen für folgende Generationen.

 

Schon im Kindergartenalter kommen Menschen heutzutage mit dem Medium Papier in Kontakt. Unreflektiert. Papier ist da, deshalb wird es genutzt.  Bilder entstehen, zunächst vor allem berühmt- berüchtigtes „Krickelkrackel“. Schließlich wird gegenständlicher gemalt und geprickelt - Girlanden, Tiere, Anziehpuppen und vieles mehr gebastelt. Selbst wenn Tagebücher und Briefe auf Papier etwas unmodern geworden sind, erfreuen sich Freundschaftsbücher bei Kindern noch hoher Beliebtheit. Papier wird andererseits in Massen entsorgt und wiederverwertet – ein Wegwerfartikel: Prospekte, Kataloge, Verpackungen, Zeitungen. Gerade im Bereich Papier ist jedoch Recycling hervorragend möglich und macht bewusst, dass die „Wegwerfware“ in Wirklichkeit immer noch eine „Kostbarkeit“ ist.

 

In der Wedeler Immanuelkirche waren im Frühjahr 2016 beeindruckende Arbeiten aus Papier und Pappe von Nils Hagelstein zu betrachten. Offensichtlich Metallisches wie Käfige, Rohre, Brückenelemente, Uhrzeiger, aber auch schwarze Amseln hatte er täuschend echt aus Pappe und Papier gestaltet -  seine Erkenntnisse und Botschaften über das Leben mit diesem Medium sehr anrührend und symbolträchtig veranschaulicht.

Im Sommer 2016 zeigten Heinz Wernicke und Margit Bassler mit ihren unterschiedlichen Arbeiten den Besucherinnen und Besuchern in der nuancenreichen gemeinsamen Installation bunte Großaufnahmen von Blütenblättern, die sozusagen gemeinsam wie in einem Garten oder getragen vom Wind mitten im Raum der Turmebene schwebten neben schwarz-weißen Fotos am Fensterband des Kirchturms von Menschen, die schon gegangen sind. Sie haben Spuren hinterlassen - Wehmut, Sehnsucht und Erinnerungen.  Eine Art Teppich oder Gewebe aus Papier  zeigte an einem der Fenster den Stoff, aus dem das menschliche Leben auf vielfältige Weise  auch ist bzw. den Stoff, der Mensch auf unterschiedlichste Weise nutzt.

 

Falk von Traubenberg überraschte in seiner Ausstellung und Performance mit dem Stoff Glas:  exponierte Weckgläser, die vermeintlich leer und geschlossen waren, als Sinnbild für verstreichende Zeit und Viertelstundentakte – beleuchtet und ins Licht gesetzt von Neonröhren. Diese Ausstellung war bewusst in den Herbst 2016 gelegt. In die dunkle Zeit des Jahres, die viele Menschen zum Grübeln und Nachdenken bringt über Sein und Zeit, Raum und Ewigkeit. Nur aufmerksam durch den Raum gehende fanden auf kleinstem Raum auch seine geradezu feinstofflichen Gedankenimpulse auf Papier.

 

Von Mai bis Juni 2017 präsentieren Ingeborg Körber und Hajo Hein Malerei und Installationen, u.a. eine malerische Auseinandersetzung mit dem Werk „Heimsuchung“ von Jakopo di Pantormo – der Begegnung von Maria und Elisabeth während ihrer Schwangerschaften mit Jesus und Johannes, dem Täufer. Begegnung als Heimsuchung – anschaulich, warm illustriert und viele Jahrhunderte später noch einmal deutlich nachempfunden zu Papier gebracht.  Die Arbeiten von Ingeborg Körber und Hajo Hein sind im lichten Turmraum der Immanuelkirche inspiriert und inspirierend aufeinander bezogen und in Szene gesetzt.

 

Während der Sommerwochen im Reformationsjubliäumssommer 2017 beschließen Carmen Oberst und Christian Zuther den künstlerischen „Papier-Reigen“ von Photo.Kunst.Raum im Wedeler Kirchturm mit fotografischen Zeichnungen im bekannten, persönlichen Stil - eine Gesamtkulisse und Inszenierung der besonderen Art entsteht. Menschen aus der Vergangenheit treffen auf Menschen der Jetztzeit – Visitenkarten und Leinwände, Fotografien aus historischen Alben und Silhouetten gegenwärtiger Menschen schweben auf Papier und Pappe durch den begrenzten und zugleich nach außen hin grenzenlosen Raum der Galerieebene.

Auch Technik ist im Spiel: Ein Projektor zeigt die Langzeitbelichtungen der „Sonnenmaschinen“. Aus vielfältigen Restmaterialien gestaltet bergen sie jeweils eine Camera obscura, die Himmel und Sonne über längere Zeiträume auf Papier gebannt hat.
Der PC, der Carmen Oberst seit 2014 begleitet, tut dies auch, wenn sie in Wedel vor Ort ist in der für sie übliche Weise: mit dem Comicfilter hält er fest, was passiert und sich ereignet. So entstehen leicht entfremdete und entrückende Bilder, dynamische Lesungen und Gespräche

Papier zeigt seine Vielfältigkeit im Turm der Immanuelkirche: es ist geduldig, empfänglich, fein, zart und stabil. Ein Medium, das Menschen in  Raum und Zeit und über Räume und Zeiten hinweg verbindet.

 

Susanne Huchzermeier-Bock, Gemeindepastorin in Wedel, 2017