PHOTO.KUNST.RAUM. HAMBURG 

 

 

 

CHRISTIAN ZUTHER - KATRIN STENDER - CARMEN OBERST

 

- bre(h)msspuren -

 

 

 

Ausstellungseröffnung:

 

Sonntag 16. Juni 2019, 16.00 - 18.00 Uhr

 

 

 

Veranstaltung:

 

Sonntag 23. Juni 2019, 16.00 - 18.00 Uhr

 

 

 

Finissage:

 

Samstag 06. Juli 2019, 16.00 - 18.00 Uhr

 

 

 

Dauer der Ausstellung:

 

16. Juni - 06. Juli 2019

 
 
 

 

 

 

Ausstellung PHOTO.KUNST.RAUM. 

 

 

 

Reproduktionen / Merchandising

 

 

brems-spuren oder Brehms Spuren

 

Text zur Ausstellung  "bremsspuren"

16.6. bis 7.6. 2019

PHOTO.KUNST.RAUM Hamburg

 

Carmen Oberst

Katrin Stender

Christian Zuther

 

 

Wie so oft in der Kunst - und das rettet uns ja vielleicht - ist auch der Titel dieser

Ausstellung einer kleinen Fehlleistung  geschuldet, die uns - besser kann es ja

nicht sein - auf die richtige Spur gebracht hat. Und was ist schon ein "h"?

 

Übergeordnet und zentral im künstlerischen Kosmos der Carmen Oberst steht

derzeit die Buchüberarbeitung.  Eine Vorgehensweise zwischen Anmaßung und

Würdigung, das ist uns klar und sie verlangt zweifellos nach einer ausführlichen

Debatte. Das Buch ist schließlich ein Kulturgut.

 

Anlass dieser Ausstellung waren 13 Bände von Brehms-Tierleben,  mit "h",  ein Relikt

aus bürgerlicher Zeit, als Bildung noch bildete.  Wer sich jemals festgelesen hat in

diesem zoologischen  Nachschlagewerk, kann von einer Hingabe an die Beobachtung,

einer Hingabe an das Objekt  berichten, die heute verschwunden zu sein scheint und

uns heutigen eher vorkommt, wie eine Erzählung aus dem Märchenland.

 

Alfred Brehm hat ganz sicher seine Spuren hinterlassen. Die Editionsgeschichte seiner

Arbeit reicht hinein bis ins 21. Jahrhundert. Seit der ersten Ausgabe von 1864 sind 20

weitere gefolgt.

Die berühmte 13 bändige Ausgabe, die ich lange hütete, denn sie ist nach dem Tod

meiner  Eltern in meine Hände gefallen, erschien 1911 unter dem Herausgeber Otto zur

Strassen  im Bibliographischen Institut Leipzig/Wien.

Alle Texte dieser Ausgaben sind unzweideutig von literarischer Qualität.

Alle Zeichnungen und Bilder sind von zeitgenössischen Illustratoren und Malern von

Rang und Namen erschaffen. ( Gustav Mützel, 1839 bis 1893, Eduard Oscar Schmid,

1823 - 1886, Robert Kretschmer, 181 - 1872 ) Darwin benannte  z.B.  die zweite Ausgabe

von 1876  als das beste zoologische Nachschlagewerk überhaupt.

Danach gab es verkürzte Ausgaben, eine Feldpostausgabe, dann kam die Fotografie dazu,

die Digitalisierung der Bände fand irgendwann um die Jahrtausendwende statt. 2007

gab der Verlag Zweitausendeins  einen Band mit dem Titel " Brehms verlorenes

Tierleben"  heraus, in dem alle Tierarten aufgeführt sind, die seit "Brehms Tierleben"

ausgestorben sind.

 

Zuletzt  muss auch "Fräulein Brehms Tierleben" erwähnt werden. Das ist eine sehr

überlegte  mediale Arbeit der Schauspielerin Barbara Geiger, die im Rahmen einer

Stiftung  das  Ziel verfolgt, alle 10 Bände von BT auf die Bühne zu bringen.

Ihr  sinnliches Bühnenabenteuer verbindet handfeste Wissenschaft, praktische

Feldforschung und tiefe Einblicke in tierische Zusammenhänge zu einem theatralischen

Ganzen.

Hier im Atelier von C. O. erfuhren die Bände, die auf meinem Bücherregal unendlich

viele Staubspuren hinterlassen haben,  die verschiedensten Prozeduren. Alles

Denkbare zwischen Konstruktion und Dekonstruktion wurde durchgespielt:

Überschüttung durch Seidenfarbe,  Beschreibung durch Filzstift, Hinzufügung von

Papierarbeiten, Übermalung, Überzeichnung, Einbindung von Monotypien, Zerreißung,

Faltung,  Durchbohrung, Verkohlung  bis hin zu Zerlegung in alle Einzelteile.  Entstanden

ist so unter anderem diese sich hier an den Wänden befindende Serie mit dem Titel

"bremsspuren", 36 Arbeiten, collage mixed media, 80 x 60 cm, 2019

 

Die Autoren oder KünstlerInnnen begaben sich in den Prozess des Durchtauschens

einzelner Fotokartonblätter.  Die Wege, die die einzelnen Blätter hier im Studio

genommen haben,  versuche ich mir vorzustellen und  ich lande beim Mäander. 

Der Mäander ist keine kraft- und machtvolle Linie, sondern das Mäandern ist für mich eher

ein langsames, ja umständliches, rücksichtsvolles Reagieren auf das, was da auf einen

zukommt.  Wenn man so will, ein ausgebremster Zustand, der eine Art

Resonanzbeziehung ermöglicht  und irgendwie nicht in unsere effiziente Welt zu

gehören scheint.

 

Entstanden ist quasi eine Landkarte der gebündelten Kräfte.  Die Arbeiten  enthalten

meistens eine Seite aus BT, darüber hinaus Zeichen, Spuren, Zitate,

Kaffee, Sojasauce  und Schriftelemente. Sie folgen in ihrer mäandernden

Vorgehensweise dem Realismus der Umgebung, ( Löffel, Messer, Teller, ) 

und landen - gerade durch die Austauschprozesse - in einer - wie ich finde -

poetischen Umständlichkeit. Man stößt auf etwas. Man reagiert auf etwas "artfremdes".

Es kommt  zu Infiltrationen.

 

Es wäre ja schön, wenn Ihr beim Näheren hinsehen dieses Reagieren auf die Umgebung,

auf den Augenblick, auf die Situation und auf den Anderen mitvollziehen könntet.  

Und Sätze findet wie  "ich bin ein Vogel"  oder "Das Gebet hilft beim Essen" oder 

" Wo ist die Sojasauce" oder " Warm up,  dein Casual Friday". 

Bitte bemerkt doch auch, dass die Signaturen ein eigenes Bildelement darstellen, 

so wunderbar plaziert von Christian Zuther.

 

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem "Mittätern" sehr bedanken. Denn es ist

eine extrem beglückende Erfahrung, zu dritt in diesen mäandernden Schaffensstrom zu

geraten, die Zeit  anzuhalten, sich selbst zu vergessen, nichts zu wollen -  ::: der

Kunstmarkt kann uns mal -!!!!  und die reine Freude am zweckfreien Tun zu fühlen.

Carmen Oberst als Oberanstifterin zu dieser Arbeit und dieser Ausstellung gebührt ein

besonderer Dank: Denn  sie macht es nicht nur möglich, sondern sie macht es mit so

leichter Hand. Und  ehe man sich' versieht,  ist alles fertig.  Und es ist da!!!

 

Ich wünsche Euch ein frohes Mäandern durch die Ausstellung, ( es reicht ja, einen

kleinen Moment der Freiheit zu fühlen,  angesichts so einer Arbeit, dann ist  ja schon

alles erreicht. )

Bleibt doch bitte gern noch mit uns zusammen, so dass wir die Debatte über das

Anmaßende unserer Vorgehensweise noch besprechen können........

 

Die Ausstellung ist eröffnet.

 

Katrin Stender

Hamburg, 16.6.2019

 

 

 

 

Inszenierung Carmen Oberst Fotografie Andreas Bock